Eine tragische Geschichte vom Krieg auf den Strassen von Honduras

Es war an einem Abend Ende May 2012, als sich der 15 jährige Ebed Jassiel Yánez Cáceres dafür entschied sich aus dem Elternhaus zu schleichen, um seine Freundin zu treffen. Ohne Erlaubnis des Vaters entwendete er dessen Motorrad und machte sich auf den Weg durch das finstere Tegucigalpa. Es war Liebe, die ihn zu dieser Aktion verleitete, welche ein tragisches Ende nahm. Nachdem er am Ziel ankam, wartete er vergeblich auf seine Liebste, die es nicht schaffte sich unbemerkt nach draussen zu begeben. Daraufhin machte sich der Junge wieder auf den Heimweg und passierte einen mobilen Militärkontrollposten ohne anzuhalten.

Im Jahre 2011 entschied der damalige Präsident Porfirio Lobo aufgrund der grossen Unsicherheit, verschiedensten Gefahren und vielen Gewaltaktionen im ganzen Land das Militär zur Unterstützung der Polizei auf die Strasse zu schicken. Es war ihr Auftrag für Recht und Ordnung zu sorgen. Die Regierung beorderte Menschen, welche eine auf Kriegssituationen ausgerichtete Ausbildung absolvierten, mit Polizeiaufgaben. Das Militär ist heute noch omnipräsent in den Strassen von Honduras, die Gewalt hat deswegen aber nicht abgenommen. Es gibt verschiedenste Stimmen, welche sogar das Gegenteil behaupten.

Die Eltern Yánez Cáseres mit Bild ihres getöteten Sohnes

Die Eltern Yánez Cáseres mit Bild ihres getöteten Sohnes

Als Ebed Jassiel Yánez Cáceres den Militärkontrollposten ohne anzuhalten passierte, entschied der Befehls habende Oberleutnant José Antonio Sierra mit seiner Truppe die Verfolgung aufzunehmen. Die Stimmung am Posten war angespannt, hatte am gleichen Abend wenige Stunden vorher ebenfalls ein rotes Motorrad einen in der Nähe liegenden Kontrollposten ohne anzuhalten passiert und der Fahrer auf die anwesenden Soldaten geschossen. Sie machten sich mit ihrem Ford Pickup, der wie ihre Ausbildung mit Geldern vom US Amerikanischen Staat finanziert wurde, auf den Weg. Ihr Ziel war es den Motorradfahrer zu stoppen. Bereits nach wenigen Metern eröffneten sie das Feuer in Richtung des Verfolgten. Nachdem der Junge von einer Kugel getroffen wurde, welche via Hals in den Kopf eintrat, stürzte er mit dem Motorrad zu Boden und verstarb wenige Augenblicke danach. Die Soldaten hielten an und Oberleutnant José Antonio Sierra wurde von einem Zeugen gesehen, wie er vom Auto stieg und mit seinem Gewehrlauf das Opfer anstiess. Anstatt Hilfe zu holen, auch wenn es wahrscheinlich schon zu spät war, oder die Spurensicherung zu informieren verliessen sie den Tatort augenblicklich und kehrten zum Kontrollposten zurück. Ungefähr zwei Stunden später wurden die selben Soldaten ein weiteres Mal am Tatort gesehen und beim Einsammeln der herumliegenden Patronenhülsen beobachtet.

Einer der beteiligten Soldaten, welcher in der Gerichtsverhandlung als Zeuge auftrat, berichtete, dass die eingesammelten Hülsen anschliessend unterwegs zur Entsorgung vom Auto geworfen wurden. Glücklicherweise konnte aber ein weiterer Zeuge zwei dieser Hülsen auffinden. Die ballistische Untersuchung ergab anschliessend, dass eine dieser Hülsen zum tödlichen Projektil gehörten, welches mit der Waffe des Korporals Elezear Abimael Rodríguez abgefeuert wurde. Er wurde deswegen anschliessend von der Staatsanwaltschaft wegen Tötung (homicidio) und Missbrauch der Amtsgewalt (abuso de autoridad) angeklagt und in Präventivhaft verwahrt. Oberleutnant José Antonio Sierra und Gefreiter Felipe de Jesús Rodríguez mussten sich für die Delikte Missbrauch der Amtsgewalt (abuso de autoridad), Vertuschung bzw. Vernichtung von Beweismitteln (encubrimiento) und Verletzung gegen die Aufgaben von Beamten (Violación a los Deberes de los Funcionarios) vor Gericht verantworten.

Streng bewachter Eingang der La Corte Suprema de Justicia in Tegucigalpa

Streng bewachter Eingang der La Corte Suprema de Justicia in Tegucigalpa

Die Familie Yánez Cáceres wurde vor Gericht neben der Staatsanwaltschaft auch von der Anwältin Karol Cárdenas der Menschenrechtsorganisation COFADEH (Comite de Familiares de Detenidos-Desaparecidos en Honduras) vertreten und seit der ersten Anhörung im Juni 2012 von Volontären von PWS/PROAH begleitet.

COFADEH kämpft bereits seit 32 Jahren für die Durchsetzung der Menschenrechte in Honduras und unterstützt Opfer von Verletzungen von Menschenrechten vor Gericht. Die Mitarbeiter von COFADEH wurden deshalb in der Vergangenheit auf verschiedenste Art und Weise bedroht und belästigt. Aus diesen Gründen begleiten wir sie oftmals bei ihren vielfältigen Tätigkeiten im ganzen Land. Neben juristischem Beistand führen sie zum Beispiel Schulungen von Menschenrechtsgruppierungen durch, klären die Bürger über ihre Rechte auf und informieren nationale wie internationale Netzwerke via mediale Kommunikation oder Foren über die Geschehnisse in Honduras.

Neben dem Schutz für Karol Cárdenas können wir durch unsere Präsenz in den Gerichtfällen das Vorgehen der Beteiligten beobachten und dokumentieren. Internationale Präsenz kann eine Wirkung erzielen, deren Nachweis jedoch recht schwer ist. Die Begleitung von Karol Cárdenas, welche momentan leider als einzige Mitarbeiterin von COFADEH über das Anwaltspatent verfügt, ist eine von verschiedenen Aufgaben, welche wir während unserem Engagement bei PWS/PROAH ausführen.

Der Vater des Opfers Don Wilfredo Yánez war an jeder Verhandlung dabei und bedankte sich immer wieder sehr herzlich für unsere Präsenz. Das Schicksal seines Sohnes, seiner Familie veränderte sein Dasein. Dieser Prozess wurde ein wichtiger Teil seines Lebensinhaltes. Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit und erwähnte wiederholt, dass er keine Vergeltung möchte, sondern einzig und alleine Gerechtigkeit. Er hat den Angeklagten ihre Tat vergeben, sieht sie als Opfer des Systems und sein Vertrauen in Gott gibt ihm die Hoffnung, dass es in diesem Fall zu einem gerechten Urteil kommen wird.

Es ist ein sinnbildlicher Fall und man hofft, dass neben dem ausführenden Täter auch weitere Verantwortliche zur Rechenschafft gezogen werden und nicht wie so oft unbestraft davonkommen. Wie in vielen anderen Gerichtsverfahren wurden immer wieder Verhandlungen verschoben und der ganze Prozess verlangsamt, was eine Strategie der Anwälte der staatlichen Streitkräfte zu sein scheint. Das Honduranische Justizsystem ist sehr komplex, völlig überlastet und es herrscht eine Straffreiheit in einem unglaublich hohen Ausmass. Bis es zu einem endgültigen Richterspruch kommt vergehen meistens Jahre, weshalb sage und schreibe 50 % aller Gefängnisinsassen noch immer auf ihr endgültiges Urteil warten. Bis am 20. Januar 2015 war Korporal Elezear Abimael Rodríguez, welcher für die Tötung an Ebed Jassiel Yánez Cáceres angeklagt wurde, ebenfalls einer von ihnen.

Nach einer drei Tage dauernden, öffentlichen Gerichtsverhandlung Mitte Januar im Tribunal de la Sentencia vom La Corte Suprema de Justicia in Tegucigalpa, worin sämtliche Beweise vorgelegt und Zeugenaussagen aufgenommen wurden, verkündeten die Richterinnen ihr Urteil. Die Staatsanwaltschaft präsentierte eine Vielzahl von verschiedensten Beweisen und Zeugenaussagen, welche die Schuld der Angeklagten erhärteten. Deshalb war man nach diesen drei Tagen guten Mutes, dass ein Schuldspruch der Richterinnen folgen wird. Die Anwälte der Angeklagten präsentierten kaum Beweise oder Zeugen, diskreditierten dafür alles, was die Anklageseite vortrug und versuchten für Verwirrung zu sorgen.

Nichts desto trotz wurden abgesehen von der Tötung des Jungens sämtliche Anschuldigungen von den Richterrinnen fallen gelassen. Hinzu kam, dass die Richterinnen dank den vorgetragenen Zeugenaussagen überzeugt waren, dass alle drei Angeklagten in vollem Bewusstsein, in die Richtung von Ebed Jassiel Yánez Cáceres geschossen haben. Weil aber Oberleutnant José Antonio Sierra und Gefreiter Felipe de Jesús Rodríguez nicht für die Tötung angeklagt wurden, können sie dafür nicht belangt werden. Sie bleiben auf freiem Fuss und können ihren Dienst wieder aufnehmen.

Sichtbar aufgebrachte Eltern Yánez Cáceres im Gespräch mit der Anwältin Karol Cárdenas nach der Urteilsverkündung

Sichtbar aufgebrachte Eltern Yánez Cáceres im Gespräch mit der Anwältin Karol Cárdenas nach der Urteilsverkündung

Don Wilfredo Yánez war nach diesen für ihn emotionalen Tagen aufgewühlt und wütend, hatte er doch in der Vergangenheit wiederholt bei der Staatsanwaltschaft insistiert, dass auch die zwei anderen Angeklagten für die Tötung angeklagt werden sollen. In den darauffolgenden Interviews mit verschiedenen Journalisten machte er unverblümt seinem Ärger über die Staatsanwaltschaft und das Justizsystem des Landes Luft. Er sagte, dass er die Hoffnung hatte, dass sein Sohn nicht nur eine weitere Nummer in der Statistik bleiben wird, in einem Land in dem Straffreiheit herrscht. Er schloss mit den Worten, dass er den Glauben in den Menschen verloren habe und nur noch auf Gott vertraut. Aber er wird bestimmt nicht aufgeben und weiterkämpfen bis er alle bestehenden Möglichkeiten ausgeschöpft hat.

Es scheint, als ob die Verantwortlichen ein weiteres Mal davon kommen und ein einzelner Soldat den Kopf hinhalten muss. Die Tötung des Jungen konnte nicht verneint werden, weil es eine Leiche gab. Ist das nun als Niederlage zu bewerten? Immerhin wurde eine Person verurteilt, was in einem Land in dem gemäss Statistiken von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen von 100 Tötungsfällen gerade einmal 4 vollständig aufgeklärt werden, schon als Erfolg betrachtet werden kann. Aber wenn diejenigen, welche die Befehle geben, ständig auf freiem Fuss und an der Macht bleiben, wird sich wahrscheinlich an der Gesamtsituation nicht so schnell etwas ändern.

Was konnten wir schlussendlich mit unserer Anwesenheit bewirken? Diese Frage zu beantworten ist sehr schwierig. Don Wilfredo Yánez war immer sehr dankbar für unsere Anwesenheit und war davon überzeugt, dass internationale Beobachtung und Präsenz einen Effekt hat. Aus diesem Grund fragte er nach den Verhandlungen jeweils, ob wir auch das nächste Mal wieder dabei sein könnten.

Ich habe in den vergangenen knapp fünf Monaten an fast jeder Anhörung in diesem Fall als Acompañante teilgenommen. Deshalb war für mich die Verabschiedung von Don Wilfredo Yánez ein spezieller Moment. Obwohl er nach dem bedauernswerten Urteil sehr aufgewühlt und verärgert war, bedankte und verabschiedete er sich sehr herzlich von mir.

 

Links für weiterführende Lektüre in spanischer Sprache zu der Organisation                                              COFADEH und dem Caso Yánez

http://www.cofadeh.hn

http://www.tercerpoder.hn/procesan-a-mas-militares-vinculados-en-asesinato-de-ebed-yanez/

http://www.tercerpoder.hn/juicio-contra-militares-implicados-en-la-muerte-de-ebed-yanez-sera-el-1-de-diciembre/

http://www.hondurastierralibre.com/2014/12/honduras-reclaman-por-retardo-de-la.html

http://www.defensoresenlinea.com/cms/index.php?option=com_content&view=article&id=3341:nuevamente-se-suspende-juicio-oral-y-publico-contra-militares-implicados-en-el-asesinato-del-nino-ebed-jassiel&catid=37:mem-y-imp&Itemid=150

http://www.defensoresenlinea.com/cms/index.php?option=com_content&view=article&id=3382:militares-implicados-en-muerte-de-menor-solo-debian-disparar-si-su-vida-corria-riesgo&catid=42:seg-y-jus&Itemid=159

http://www.defensoresenlinea.com/cms/index.php?option=com_content&view=article&id=3384:csj-absuelve-a-militares-coparticipes-del-homicidio-del-menor-ebed-jassiel&catid=37:mem-y-imp&Itemid=150

http://www.hondurastierralibre.com/2015/01/honduras-sargento-implicado-en.html

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